Polizeiprotokoll
Polizeiprotokoll vom 06.01.1944 des Gendarmerie Einzelposten Odenthal
Kartenausschnitt Absturzort Absturzstelle Übersicht Großraum Köln
(c) Geobasisdaten: Landesvermessungsamt NRW, Bonn 2005.
Kartenausschnitt Absturzort
Absturzstelle Übersicht Höffe bei Odenthal
Bergisches Land

(c) Geobasisdaten: Landesvermessungsamt NRW, Bonn 2005.
Kartenausschnitt Absturzort
Kartenausschnitt Absturzstelle Hohenfeld
(c) Geobasisdaten: Landesvermessungsamt NRW, Bonn 2005.

Aufzeichnungen von Herrn Manfred Link

Am 06.01.1944 Notiz des Bergungskommandos über einen Flugzeugabsturz bei Odenthal-Hohenfeld (östlich von O.-Voiswinkel) mit der Bitte um "örtliches" Eingreifen, da der Fliegerhorst Köln-Ostheim nicht mehr arbeitet. Der Absturz muss also vorher geschehen sein; es ist auch unklar, ob eigene oder Feindmaschine (?)

Zeitzeuge G. Blömer erinnert sich, dass ein Jagdbomber (?) die Flakstellung an der Küchenberger Straße in Voiswinkel im Tiefflug angriff, nur ein junger Soldat sich am Lanzemicher Weg an die Vierlingsflak setzte und ihn mit 2cm-Leuchtspur-Munition traf. Die Maschine zog mit einer Rauchfahne weg. Der Soldat wurde sehr "geehrt", ob es sich bei "seiner" Maschine um die oben im Bericht genannte handelt, ist nicht gesichert, da weitere Angaben und genaue Daten fehlen.

Tragisch wäre es, wenn es sich um die deutsche Focke-Wulf des Piloten B. Kunze handelte, nach welcher seine Angehörigen seit Jahren suchen. Er war am 05.01. wegen Treibstoff-Mangel nach einem Einsatz im Westen in Köln-Ostheim zwischengelandet und startete sofort danach wieder in Richtung Dortmund, um zu seiner hochschwangeren Frau im Ruhrgebiet zurück zu kommen!

Zusammenfassende Bewertung bisheriger Erkenntnisse

Die Luftkampflage:
(Quelle: Prien / Rodeike, ´Jagdgeschwader 1 u. 11, Einsatz in der Reichsverteidigung von 1939 bis 1945, Druwe Verlag´)

"Ein schwerer Tagesangriff der alliierten Luftstreitkräfte mit dem Ziel Kiel, wobei mit 245 viermotorigen Bombern der 1. und 2. BD unter Begleitschutz von 70 P-38 sowie 41 P-51 anflogen wurde. Zu gleicher Zeit flog ein kleinerer Verband aus 78 B-17 der 3. BD einen Ablenkungsangriff gegen die Kugellager-Werke in Wuppertal-Elberfeld. Der Abwehreinsatz der JG1 und 11 richtete sich in der Hauptsache gegen den nach Kiel fliegenden Verband, gegen den dann auch der Stab mit der II. und III./JG1 sowie dem gesamten JG11 angesetzt wurden.

Gegen 12.30 Uhr trafen Focke Wulfs über dem Bergischen Land auf die amerikanischen Verbände und konnten in einem länger anhaltenden Luftkampf, dabei heftig bedrängt durch die Thunderbolts des Begleitschutzes, gegen 12.45 Uhr eine B-17 abschießen (Lt. Ehlers 1./JG1) und vier Herausschüsse (Fw. Piffer 2./JG1, Lt. Lück und Uffz. Hübl beide 1./JG1) erzielen.

Bei diesem Luftkampf gab es drei Gefallene: Die 1. Staffel hatte den Tod von Fw. Alfred Müller zu beklagen; gleich zwei Gefallene gab es bei der 2./JG1 - Ofhr. Heinz Rutzhofer und Fw. Bernhard Kunze."

Letzteres wurde offenbar unrichtig registriert oder recherchiert.


Die genauen und richtig gestellten Umstände zum Absturz meines Onkels:
(Quelle: viele persönl. Gespräche mit Zeitzeugen vor Ort, Berichten, Dokumenten, Aufzeichnungen zu Flak-Stellungen, Vorort-Spurenlage, unabhängige Unfallanalyse zweier Experten)

Bernhard Kunze war am 05.01.1944 nach einem bereits über der Eifel erfolgten Luftkampf gegen die o.a. amerikanischen Verbände wegen Treibstoffmangels am Spätvormittag auf dem Fliegerhorst Köln-Ostheim zwischengelandet.

Er hatte danach allerdings keinen weiteren Einsatzbefehl sondern startete sofort nach dem Auftanken von Köln-Ostheim wieder, um in direkter Richtung zu seinem Stationierungshorst Dortmund-Brackel fliegen zu wollen. Hintergrund dessen war, dass er mit genehmigtem Urlaub von dort aus dann direkt zu seiner Familie nach Magdeburg reisen wollte, da seine Frau sich dort unmittelbar vor der Entbindung des gemeinsamen Sohnes befand. Die Flugleitung von Köln-Ostheim legte ihm trotz der besonderen persönlichen Situation wegen schlechter und etwas nebliger Wetterlage sogar noch nahe seinen Flug auf den folgenden Vormittag zu verlegen, was er allerdings ignorierte, um dann um die Mittagszeit in direkter Richtung nach Dortmund-Brackel zu starten.
Fliegerhorst Köln Ostheim
Fliegerhorst Dortmund Brackel

(Quellen: Ries, Dierich "Fliegerhorste und Einsatzhäfen der Luftwaffe 1935 - 1945")

Bernhard Kunze passierte dann aus Sichtgründen unter einer niedrigen Wolkendecke fliegend mit seiner aufgetankten FW190-A6 des 2./JG1, ´Schwarze 1´ WN 550884 am 05.01.1944 gegen 12.30 Uhr unweit der etwas weiter nördlich stattfindender Luftgefechte den Bereich Odenthal / Höffe (Bergisches Land), um zu seinem Dortmunder Stützpunkt zu gelangen.

Er wurde dabei als einzeln fliegende Maschine gesehen, die das Gebiet nach den zuvor überquerenden Bomberverbänden passierte. Und er wurde dabei offensichtlich irrtümlich von einer deutschen Flak-Stellung bei Odenthal-Höffe durch eine 2-cm-Vierling 38, bedient von einem 16-Jährigen Flakhelfer, getroffen. Mehrere aufgefundene Augenzeugen des Flak-Einsatzes und des anschließenden Absturzes erklärten, dass er nicht in einer Gruppe sondern einzeln und zugleich sehr tief flog. Demzufolge hat er sich auch offensichtlich nicht in einem Kampfeinsatz oder einem Luftgefecht befunden, wenngleich auch sehr kurze Zeit zuvor die amerikanischen Bomberverbände unter Flak-Beschuss den Bereich um Odenthal überflogen hätten und im Rahmen des Ablenkungsangriffes ca. 30 km weiter nördlich bei Wuppertal in ein starkes Gefecht mit der Luftwaffe und Flak verwickelt wurden.

Viele Stationen der deutschen Flak im Bereich Odenthal waren aufgrund der Überflüge der amerikanischen Bomber jedoch noch in Bereitschaftsstellung. Versehentlich wurde dann von einer Flak bei Höffe (Flakstellungen Lanzemicher Weg / Funkenhof / Küchenberg) meines Onkels Maschine möglicherweise auch wegen seines Tieffluges als nachträglicher feindlicher Angriff auf die Flak-Stellung verstanden, daher beschossen und getroffen (so die persönliche Aussage eines unmittelbaren Augenzeugen des dortigen Ereignisses und auch Wiedergaben mehrerer anderer indirekter Zeugen).

Bernhard Kunze hat dann sofort nach dem erfolgten Treffer seinen bisherigen Kurs von 30 Grd NNO Richtung Dortmund mit einer von dem Augenzeigen beobachteten weiten rechtsdrehenden Schleife auf volle Gegenrichtung gewechselt. Ein anderer Augenzeuge berichtete, dass die Maschine mit einer Rauchfahne in großer Kurve anflog und sich dem späteren Aufprallort näherte, allerdings wohl an Höhe zu verlieren schien.

Unter starker Rauchfahne und tief fliegend über bergigem Gelände und dabei stetig sinkend hat Bernhard wohl noch versucht, die sehr wenig entfernte Rheinebene zwecks einer Notlandung zu erreichen, ggfls. sogar noch bis zum ca. 15 km entfernten Fliegerhorst Köln-Ostheim durchzukommen, von wo er zuvor voll aufgetankt startete.
Dies gelang ihm aufgrund stetigen Höhenverlustes letztlich nicht mehr.

Absturzscenario

Nahezu an einem der letzten Höhenzüge kurz vor der Rheinebene ist es dann zum Absturz gekommen. Bei hoher Geschwindigkeit um Auftrieb zu gewinnen und dennoch durch wohl unvermeidbares Sinken kam es zu einem fast tangentialen Eintauchen seiner Maschine entlang eines mit hohen Nadelbäumen dicht bewachsenem und ca. 40 Grad schrägen Berghanges. Sein Flugzeug wurde beim Eintauchen in die großen Baumlagen quasi "filetiert" (Abriss der gesamten Flügelstrukturen). In einer Schneise von über ca. 300 m Länge verteilten sich die abgerissenen und stark deformierten Flugzeugteile. Insbesondere wurden ganz überwiegend sehr stark und mehrfach gefaltete Alu-Außenhautteile der Flügelstrukturen der Maschine aufgefunden. Der noch einigermaßen intakte Flugzeugrumpf schlug offensichtlich mit noch relativ hoher Geschwindigkeit aufgrund des Versuches den Berghang noch überfliegen zu wollen unter einem positiven Anstellwinkel auf dem Boden auf (1. 'Aufschlagkrater', oval ca. 10x3 m). Dies bewirkte offenbar den Abriss der gesamten Motor-Einheit von der Zelle. Der BMW-801-Motorblock mit Luftschraube (selbst diese war wie heutige Fotos beweisen weitgehend unverformt) schlug zunächst ca. 30 m weiter in SSW-Absturzrichtung auf (2. 'Aufschlagkrater', ca. 5x3 m) und fand sich dann schließlich ca. 200 m entfernt in einem etwa 50 m tiefer liegenden Wassergraben wieder.

Die Rumpfzelle und das Cockpit waren nach Augenzeugenbericht herbeigeeilter Retter nur begrenzt zerstört worden. Bernhard verblieb zunächst angegurtet aber leblos in seinem Cockpitsitz. Zwischenzeitlich trafen am Aufprallort ein dort beheimateter Landwirt mit seinem siebenjährigen Sohn ein. Beide hatten den Absturz unmittelbar beobachtet. Die Rumpfzelle (geplatzte Batterien, geborstene Panzersitzschale) begann laut der eintreffenden Augenzeugen leicht zu brennen, weshalb zwei weitere Waldarbeiter, die in unmittelbarer Nähe des Absturzes zugegen waren, mit dem Landwirt meinen Onkel aus dem Cockpit bargen.

Nach ihren Angaben war er zu diesem Zeitpunkt bereits verletzt und leblos. Er wurde in gebührendem Abstand zu den Trümmern auf einem nahen Waldweg aufgebahrt. Aus späteren Augenzeugenberichten über seinen Leichnam ist bekannt, dass er offenbar Verletzungen des hinteren Kopfbereiches und auch des Unterleibbereiches aufwies. Ob diese Verletzungen Folge des Beschusses oder des Aufpralles auf den Berghang waren, bleibt offen.

Vieles spricht aufgrund noch heutiger Spuren vor Ort beim weitgehend widerspruchsfrei rekonstruierbaren Absturz dafür, dass er in seiner Maschine sitzend diese noch bedingt kontrolliert haben dürfte, als er dann den Aufprall erlitt. Ein tief rot/braun/schwärzlich angelaufenes aber ansonsten unversehrtes Gesicht des vor der Beisetzung von seiner Schwester gesehenen Leichnams legte auch die Vermutung sehr nahe, dass unmittelbar durch die bei hoher Geschwindigkeit einwirkende Aufprallenergie und das dadurch bedingte abrupte Eintauchen in die Gurte Gefäßrupturen und in Folge Unterblutungen erfolgt sind, die sicherlich den dann sofortigen Tod bewirkt haben dürften.

Unabhängig voneinander kamen der Autor (berufliche Erfahrung in der Rekonstruktion von Unfällen) und ein Luftfahrthistoriker über die Analysen der Zeugenberichte und noch heutiger zahlreicher Vorort-Spuren zu einer übereinstimmenden Analyse des Geschehens.

Gegen 13 Uhr - ca. eine halbe Stunde nach Absturz - wurde telefonisch zunächst die örtliche Gendarmerie von Odenthal verständigt (Polizeibericht). Ein Einzelposten sperrte nach seinem Eintreffen die Absturzstelle ab. Wegen schon sehr schwieriger Kriegsumstände und -folgen am Fliegerhorst Köln-Ostheim und vorgerücktem und früh dunkel werdenden Nachmittag konnte das dortige Bergungs- und Räumkommando der Luftwaffe nicht mehr am gleichen Tag am Absturzort eintreffen.

Mein Onkel wurde gemäß Berichten Ortsansässiger über Nacht auf einer Behelfskonstruktion aus Holzstämmen - vorgeblich mindestens einem Meter über dem Boden - im Wald aufgebahrt und mit einer Plane abgedeckt. Am nächsten Morgen traf das Bergungs- und Räumkommando der Luftwaffe am Absturzort ein und sicherte großräumig das Areal ab.

Die weit verstreuten Flugzeugtrümmer wurden aus dem unwegsamen Gelände geborgen. Die ca. 200 m entfernt im Wassergraben befindliche weitgehend noch unbeschädigte Luftschraube von Bernhards Maschine gelangte sehr zeitnah in die private Hand eines dortigen Ortsansässigen. Da ein Propellerblatt nahezu völlig unbeschädigt verblieb, ist recht gesichert anzunehmen, dass der Motor zumindest zum Zeitpunkt des Aufpralles bereits stillgestanden sein muss. Für den ebenfalls weit entfernt in einem sumpfigen Wassergraben liegenden schweren Motorblock stand auch aufgrund der Hanglage kein geeignetes Bergungsgerät der Luftwaffe zur Verfügung. So verblieb der Motor dort. Innerhalb weniger Monate verstanden es dann ortsansässige Landwirte mit Pferd und Karren den Motor aus dem Graben zu bergen und ihn als Schrottware finanziell zu verwerten.

Bei der Besichtigung der Absturzstelle konnte selbst ich noch zahlreich kleine Teile der Außenhautverkleidungen, Armierungsteile, Öldruck- und Kraftstoffleitungen des Motors im Wasserbett des Grabens finden. Die meisten der Aluteile waren durch beachtliche Gewalteinwirkung auch quer durch mehrlagige Vernietungen zerrissen. Zugleich fand sich weit ab von der Aufprallstelle auch ein bereits schon stark korrodiertes aber in seiner Struktur noch weitgehend intaktes Rohr, das ich zunächst nicht zum Flugzeug gehörig zuordnen konnte. Das Rohr mit Durchmesser von 210 mm und Länge von ca. 1400 mm war mit Aufhängungsanschlüssen versehen und ließ sich daher dann später auch eindeutig als Werfergranaten-Hülse identifizieren. Es muss offenbar unter einer der Tragflächen der Maschine meines Onkels angebracht gewesen sein.

Die Werfergranate war zu Kriegsende eine geheime Anpassungsentwicklung der Luftwaffe aus der bei der Artillerie eingesetzten 210mm Nebelwerfergranate. Sie wurde zu Kriegsende bei der Luftwaffe prototypenhaft unter den Tragflächen einiger Bf109- und FW190-Jagdflugzeuge montiert. Mit ihr wurden über eine den heutigen Bord-Raketen ähnliche Technologie Sprengraketen mitten in die immer überlegener werdenden und dichten alliierten Bomberverbände geschossen, um damit zeitgleich mehrere Bomber aus einer relativ sicheren Entfernung kampfunfähig zu beschießen bzw. abzuschießen. Die Systeme trugen unter einigen Piloten den Namen "Ofenrohr" und waren aber durchaus nicht geliebt, weil sie aufgrund ihres Gewichtes von jeweilig 110 kg, davon 41 kg für den Raketensprengsatz, und wegen des zusätzlichen Treibstoffbedarfes die Flugdynamik und Reichweite der Jagdflugzeuge sehr nachteilig beeinflussten.

Zumindest auch hieraus ist ableitbar, warum vom Bergungskommando Köln-Ostheim aus Geheimhaltungsgründen die gesamte Absturzstelle nach Aussagen der Ortsansässigen recht rigoros - wenn auch nicht erfolgreich - gesichert und abgesperrt wurde.

Vor der Bergung aller Wrackteile wurde der Leichnam meines Onkels angeblich nach Köln in ein dortig zeitweilig eingerichtetes Lazarett (das heutige St. Elisabeth-Krankenhaus in Köln-Hohenlind) verbracht. Einen Nachweis und eine Todesbescheinigung hierzu konnte ich jedoch leider nicht gewinnen, da das heutige Krankenhaus mir noch nicht einmal auf meine Schreiben antwortete. Wenige Tage später wurde mein Onkel Bernhard Kunze wohl von dort nach Dortmund-Brackel und dann in seine Heimatstadt nach Magdeburg überführt und dort beigesetzt.

Fw. Bernhard Kunze (23) hinterließ seine Ehefrau Elfriede (Friedel) Kunze, geb. Lieberknecht aus Haßloch und einen drei Tage nach seinem Tod geborenen Sohn Bernd.

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